Die HEINRICH BÖLL STIFTUNG veranstaltet regelmäßig Vorträge und Seminare zu unserer Meinung nach aktuellen und interessanten politischen und kulturellen Themen. Wenden Sie sich bitte an unserer Büro, um laufende Planungen zu erfragen oder senden Sie uns eine mail. Gerne informieren wir Sie dann über aktuelle Veranstaltungen. Sollten Sie selber Vorschläge, Anregungen oder Veranstaltungswünsche haben, können Sie uns darüber informieren. Auf unserer Was-Sie-wollen - Seite finden Sie weiter Informationen.



Rebekka Habermas: Skandal in Togo. Ein Kapitel deutscher Kolonialherrschaft

15. Juni, 20 Uhr, Togostraße 44, Ortsverband Bremen-Nord des Technischen Hilfswerks (THW)

Togo und Bremen sind in vielfältiger Weise miteinander verbunden. Die Bremer Kaufmannsfamilie Vietor gehörte zu den ersten Deutschen, die im Gebiet des späteren Togo Fuß fassten.

Die „Eingeborenen-Politik“ der Vietors galt seinerzeit als liberal, obgleich aus heutiger Sicht ihre rassistischen Elemente nur schwer zu leugnen sind. Ähnlich ambivalent war zunächst das Wirken der Norddeutschen Mission. Sie hat seit 1851 ihren Sitz in Bremen und ist in Westafrika unter dem Namen „Mission de Brême“ bekannt. Im Rückblick kann konstatiert werden, dass die von afrikanischen sogenannten Missionsgehilfen mitgetragene Petitionsbewegung eine Keimzelle des anti-kolonialen afrikanischen Widerstands war.

Das Buch „Skandal in Togo. Ein Kapitel deutscher Kolonialherrschaft“, das die Göttinger Historikerin Rebekka Habermas auf Einladung der Heinrich Böll Stiftung Bremen in der Togostraße vorstellt, ist eine glänzend erzählte Mikrogeschichte des deutschen Kolonialismus. Im Mittelpunkt steht ein Skandal, der sogar den Reichstag im fernen Berlin auf den Plan rief: 1900 soll der Kolonialbeamte Geo Schmidt eine junge Afrikanerin vergewaltigt haben. Doch solche Übergriffe waren in den Kolonien nahezu alltäglich, warum also die Aufregung?

Der Kolonialbeamte, eigentlich der mächtigste Mann vor Ort, rang nicht nur mit der afrikanischen Bevölkerung. In Togo waren auch christliche Missionare tätig, die vor allem Gottes Wort verbreiten wollten und ihre Bemühungen durch Geo Schmidt gefährdet sahen. Ihre unzähligen Briefe nach Berlin, in denen sie Schmidts Treiben schildern, sind beredte Zeugnisse eines grundlegenden Konflikts im kolonialen Raum.

Lebendig schildert Rebekka Habermas die Beziehungen, Interessen und Motive der Beteiligten, den Rassismus und Alltag vor Ort und die kolonialen Echos, die der Skandal in der Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs hervorrief. Damit bietet sie neue, erstaunliche Einblicke – und einen wichtigen Beitrag zur Kolonialgeschichte, mit der aktuell ein neuer Umgang gesucht wird.





“Buen Vivir” als Staatsziel

„Sumak Kawsay“, auch bekannt als „ Buen Vivir“, ist eine Lebensanschauung der indigenen Andenvölker, die in den letzten Jahren vermehrt internationale Aufmerksamkeit erregte. Der Grund dafür liegt in der Aufforderung lateinamerikanischer Politiker, zentrale Aspekte dieser Lebensweise auch in industrielle Gesellschaften zu integrieren. Mit Unterstützung der Heinrich Böll Stiftung Bremen wird dieses Konzept auch in Bremen präsentiert. Die Veranstaltung mit Alberto Costa und der Grupo Sal findet am

Mittwoch (26. April) um 19:30 Uhr
im Übersee-Museum


statt. Alberto Acosta ist Ökonom und ehemaliger Energieminister Ecuadors. Er hat sich zum Ziel gesetzt, dieses Konzept publik zu machen und weltweit für eine Veränderung des Lebensstils einzutreten. Als Präsident der verfassungsgebenden Versammlung war er maßgeblich daran beteiligt, dass die Grundsätze des „Buen Vivir“ als Staatsziel in die Verfassung Ecuadors aufgenommen wurden. Kurz danach folgte Bolivien diesem Vorbild. Seine Initiative zum Schutz des Klimas, der Regenwälder und mehrerer indigener Völker wird heute weltweit diskutiert. Das erste Buch von Alberto Acosta in deutscher Sprache wurde im April 2015 vom oekom verlag veröffentlicht: „Buen Vivir, vom Recht auf ein gutes Leben".

Die Grupo Sal begleitet und ergänzt die Ausführungen durch eine Fülle von Beispielen der lateinamerikanischen Musik, um die „neuen Töne aus Lateinamerika“ auch musikalisch erfahrbar zu machen.

Die Veranstaltung soll Denkanstöße bieten und Lust machen, über die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft in einer globalisierten Welt und einer bedrohten Umwelt zu diskutieren. Über eine Gesellschaft, die neue, andere Werten in den Mittelpunkt stellt: Ein gutes gemeinschaftliches Leben, eine solidarische Ökonomie, den Schutz der Natur und den Erhalt der Umwelt.

Eintrittskarten kosten 14,00 Euro, ermäßigt 10,00 Euro.






Jörg Wollenberg: „Krieg der Erinnerungen“

Heinrich Böll schrieb 1948: „Wir sind geboren, um uns zu erinnern. Nicht Vergessen, sondern Erinnerung ist unsere Aufgabe.“ 2017 veröffentlicht Jörg Wollenberg sein Opus summum „Krieg der Erinnerungen: Von Ahrensbök über New York nach Auschwitz und zurück“.

Der erst Band wird mit Unterstützung der Heinrich Böll Stiftung Bremen kommenden Montag (27. März, 19 Uhr) im Wall-Saal der Zentralbibliothek vorgestellt.

Prof. Dr. Jörg Wollenberg hat als Historiker und Erwachsenenbildner unter anderem an der Universität Bremen und als Leiter der Volkshochschulen in Bielefeld und Nürnberg gewirkt. Nach wie vor ist er als Publizist und Herausgeber von Zeitschriften und Editionsprojekten hochaktiv. „Krieg der Erinnerungen“, erschienen im Sujet-Verlag, umfasst geschichtspolitische Beiträge Wollenbergs aus den letzten 50 Jahren.

Den Ausgangspunkt von Wollenbergs „Spurensuche“ bildet sein Geburtsort Ahrensbök im Kreis Ostholstein. Dort wurde er 1945 Zeuge des Todesmarsches von Auschwitz und erlebte das Schicksal von Zwangsarbeitern, Flüchtlingen und Displaced Persons vor Ort. Die Gründung der dortigen Gedenkstät ist ein Teil des unermüdlichen Versuchs Wollenbergs, darüber aufzuklären, aus welchen längst vor 1933 wirksamen Ideen und Interessen die Machteroberung der staatsverbrecherischen Politik des „Dritten Reiches” resultierte – und welche nachhaltigen Belastungen sich daraus bis heute ergeben.

Prägend für Wollenbergs Werdegang sind die zahlreichen Kontakte zu Überlebenden des Holocaust, die er in beiden Teilen Deutschlands, aber auch in den USA, England, Frankreich, Spanien, Griechenland, der CSSR oder Polen aufsuchen und befragen konnte. Viele dieser Begegnungen und Erfahrungen sind in „Krieg der Erinnerungen“ eingeflossen.

Der Eintritt zu dieser Bremer Buch-Premiere ist frei. Veranstalterinnen sind die Stadtbibliothek Bremen und das Bremer Literaturkontor in Zusammenarbeit mit dem Sujet-Verlag und der Heinrich-Böll-Stiftung Bremen.




Frankreich und Deutschland vor den Wahlen
Laizismus in Europa, Prinzip oder Vorwand der Politik? mit Yves Bizeul und Jean-Claude Aparisi

Donnerstag, 16. Februar um 19 Uhr im Institut Français Bremen,
Contrescarpe 19


Debattenreihe vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich und der Bundestagswahl in Deutschland in Kooperation mit dem Institut Francais Bremen

Am 23. April und am 7. Mai stehen die Präsidentschaftswahlen in Frankreich an. Die Bundestagswahl am 24. September in Deutschland. In drei Debatten werden grundlegende parteienübergreifende Probleme der französischen, deutschen und europäischen Politik mit Experten diskutiert.

Für den ersten Termin dieser Reihe laden wir Yves Bizeul und Jean-Claude Aparisi ein, die über das Thema „Laizität“ debattieren werden – ein typisch französisches Gesellschaftskonzept, das zur Zeit immer wieder sowohl von Vertretern der Integrationspolitik als auch von Islamgegnern ins Feld geführt wird (siehe als Beispiel die „Burkini“-Polemik vom letzten Sommer). Die konstitutionelle Verankerung der Laizität macht dieses Konzept zu einem zentralen Punkt der Identitätsdebatte in Frankreich.

Weitere Termine:

- am 23. März um 19:00 wird Prof. Dr. Catherine Colliot-Thélène über die verschiedenen Zukunftsvisionen für Europa referieren

- am 11. April um 19:00 diskutiert Prof. Dr. Andreas Zick mit einem französischen Kollegen (N.N.) über den aufsteigenden Rechtsextremismus in Europa.



Fritz Bauer vor der Kamera
Martin Rooney zeigt und kommentiert historisches Film-Material über den Initiator der Auschwitz-Prozesse. In den weithin unbekannten Archivalien äußert sich Bauer zur politischen Verantwortung der Justiz und zu seiner Situation als jüdischer Remigrant, aber auch zu Fragen des Sexualstrafrechts und der Wirtschaftskriminalität.

Mittwoch, 22. Februar 2017, 19 Uhr, Plantage 13 (Eingang 26)

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Wahrheit und Lüge im deutschen Geschichtsfilm

Hannes Heer, der Leiter der ersten Wehrmachtsausstellung, analysiert auf Einladung der Heinrich Böll Stiftung Bremen deutsche Geschichtsfilme. Insbesondere am Beispiel des populären ZDF-Dreiteilers „Unsere Mütter, unsere Väter“ zeigt er die Konstruktion neuer Entlastungs-Legenden, die die Massenmorde an 30 Millionen Rotarmisten, Kriegsgefangenen, Juden und nichtjüdischen Zivilisten ausblenden.

Die Veranstaltung mit Hannes Heer findet am Mittwoch, 8. Februar 2017, um 19 Uhr in der Plantage 13 statt (Eingang 26). Der Eintritt ist frei.

Zum Hintergrund:

In dem 2014 vom ZDF gesendeten Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter beschränkt Nico Hofmann, der Großproduzent verfilmter deutscher Zeitgeschichte, das Geschehen auf den Krieg gegen die Sowjetunion von Juni 1941 bis Mai 1945. Als habe es davor die acht Jahre des NS-Regimes nicht gegeben präsentiert Hofmann seine Protagonisten, ohne die ideologischen Prägungen durch HJ, BDM, Reichsarbeitsdienst bei den vier „arischen“ Freunde zu zeigen und ohne ein Wort darüber zu verlieren, wie der jüdische Freund Viktor diese Zeit der Ausgrenzung und Verfolgung überstanden hat.

Derselbe Eindruck einer gewollt-ausschnitthaften, also konstruierten Realität stellt sich ein, als drei der Freunde an die Ostfront kommen: Es gibt Töten und Sterben, Morden auf Befehl und Schuldgefühle danach, aber der von Hitler befohlene, von der Wehrmachtsführung geplante und exekutierte Rassen- und Vernichtungskrieg an 30 Millionen Rotarmisten, Kriegsgefangenen, Juden und nichtjüdischen Zivilisten findet im Film nicht statt. Es gibt nur einzelne völkerrechtswidrige Befehle, von deren Existenz der erfahrene Offizier Winter aber nichts gewusst hat und deren genozidalen Plan der Projektleiter Hofmann verschweigt.

Was Hofmann liefert, ist das Bild eines dreckigen Krieges, in dem eine ganze Generation durch ein schicksalhaft- undurchschauliches Geschehen verheizt wurde und trotzdem „anständig“ und im Besitz eines reinen Gewissens geblieben war. Hannah Arendts Warnung an Politik und Medien, sich über das übliche „Umschreiben der Geschichte“ hinaus nicht auch noch an der „Tatsachenwahrheit“ selbst zu vergreifen und eine „erfundene Realität“, also Lügen zu produzieren, ist im Geschichtsfilm des Nico Hofmann Wirklichkeit geworden. Was damit erreicht werden soll, so scheint es, ist das Auslöschen und Vergessenmachen der deutschen Schuld – die ersehnte „Normalisierung“.